Willkommen in der Gartenlaube

  

 Den Garten betritt man nicht mit den Füßen,

sondern mit dem Herzen.

 

 

Tief in jedem von uns liegt ein Garten.

Ein sehr intimer, persönlicher Ort.

Während der meisten Zeit unseres Lebens bleibt dieser Garten

allen Blicken verborgen, mit Ausnahme der Momente,

die wir mit Träumen oder innerlicher Versunkenheit verbringen....

aber viele von uns sehnen sich danach,

diesen imaginären Garten Wirklichkeit werden zu lassen.

Julie Moir Messervy

The Inward Garden

  

  

  Der Zauber einer Blüte

Es war einmal eine Blüte, wie es sie in vielen Gärten gibt.

Doch sie meinte, eine besondere Blume zu sein. Und so beschloss sie, 

auf keinen Fall zu früh zu erblühen. Es konnte noch Spätfrost geben! 

Dem wollte sie auf keinen Fall zum Opfer fallen. Ihr Blumenleben war schließlich begrenzt. 

Wie konnten es die anderen Blumen nur wagen, ihre Knospen zu früh zu öffnen?

"Wie leichtsinnig meine Mitblumen ihre Blüte riskieren!" dachte sie 

und fühlte sich bestätigt, als einige davon wirklich einmal 

einen Nachtfrost nicht überstanden. Wie traurig sie nun aussahen, 

mit ihren erfrorenen Blütenblättern.

Später, im Frühsommer jedoch erblühten alle Blumen um sie herum 

in voller Pracht. Sie dufteten und leuchteten in allen Farben.

   

 Nur sie blieb trotzig und weigerte sich, ihren schützenden Knospenmantel zu öffnen.

"Sollten die anderen ruhig blühen, meinte sie und erinnerte sich, 

was sie schon alles darüber gehört hatte, was einer Blume so alles 

zustoßen kann, wenn sie erst einmal blüht. 

Der Nachtfrost, der Regen, der Sturm. Wie würde sie aussehen, 

wenn Regen und Sturm sie umknickten? 

Ihre Blütenblätter könnten abfallen. Ihre ganze Pracht wäre dahin.

Wie schrecklich!

Sie wollte sich erst entfalten, wenn sie ganz sicher war, 

dass ihr nichts passieren konnte.

 

   

  Ihre Artgenossen dagegen, die sich in voller Pracht in der Sonne 

aalten und betörenden Düfte verströmten, kümmerten sich nicht 

um die ängstlich in ihrer Knospe hockenden Blüte. 

Sie verstanden nicht, warum sich diese Blüte nicht öffnen 

und lebendig werden wollte.

Der ängstlichen Blüte dagegen war diese lebendige Vielfalt 

eher ein wenig ungeheuer, ja sogar bedrohlich – vielleicht, 

weil sie diese Blumen insgeheim bewunderte? 

Eigentlich musste es doch herrlich sein, sich so prachtvoll auszubreiten.

Schließlich wurde sie immer unsicherer. 

Konnte sie überhaupt mit all dieser Blütenpracht mithalten?

Was würden die anderen denken, wenn sie nicht so prachtvoll war 

und weniger duften würde?

War es da nicht besser, sie würde für immer in ihrer Knospe bleiben?

Schließlich war sie dort sicher. Sie müsste sich nicht ängstigen. 

In ihrer Knospe war es warm. Sie gab ihr Halt vor den kalten 

und windigen Stürmen.

Aber in der Knospe war es auch eng und einsam. 

Sie fühlte sich irgendwie eingeschlossen. 

So lange sie sich in ihrer Knospe verkrochen hielt, 

würde sie an dem prallen Leben um sie herum nicht teilnehmen können.

  

   

  Was sollte sie nur tun? Sie wurde immer ratloser. Es fiel ihr schwer, 

die Sicherheit, die ihr die Knospe bot, aufzugeben. 

Andererseits würde sie nie erfahren, wie es wirklich da draußen ist. 

Wie werden die anderen reagieren, wenn ich mich plötzlich öffne 

und mein Innersten nach außen kehre? 

Schließlich kennen sie mich alle nur als Knospe. 

Vielleicht lachen sie mich sogar aus. "Nein, nein, sagte sie sich, "

ich will auf keinen Fall ausgelacht werden."

Trotzdem drängte es sie immer mehr, endlich aus ihrer Enge 

und Einsamkeit auszubrechen.

 

  

  

Sie wollte auch erfahren, wie es ist zu blühen, von der Sonne 

gestreichelt zu werden und die Regentropfen aufzufangen.

Aber wie würde sie wirken, wenn sie sich plötzlich öffnete? 

Vielleicht war sie hässlich? Und was geschah, wenn eines 

ihrer Blütenblätter abfallen würde. Neugierig wagte sie 

einen Blick auf die anderen, die schon ein paar Blätter 

verloren hatten. Aber sie blühten weiter. 

So schlimm konnte es also nicht sein. 

Und hässlich sahen sie auch nicht aus. Sollte sie sich einfach 

aus ihrer Enge befreien und ihre Blüte öffnen? 

Schließlich überwog die Neugier - vor allem die Neugier auf sich selbst.

  

  

Wie würde sie aussehen? Wie würden die anderen sie anschauen? 

Was würden sie denken?

Immerhin war der Sommer schon bald vorbei und sie war 

nicht mehr ganz jung. In ihrer Sicherheit wurde sie immer unsicherer. 

Sie hatte keine Erfahrung im Blühen - war immer nur eine Knospe. 

Wenn sie sich die Sonnenblumen, die Nelken und Rosen anschaute, 

beschlich sie eine wage Ahnung, wie erstrebenswert es sein musste, 

endlich zu blühen.

Sie dagegen stand still, wagte es nicht, sich zu entfalten. 

Sie fühlte sich zwar sicher, aber innerlich war sie leer. 

Sie wurde immer trauriger in ihrer Knospenhülle, 

bis sie am Ende des Sommer spürte, dass sie sich entscheiden musste.

Als sich das Blumenbeet nach und nach leerte, fasste sie sich 

endlich ein Herz. Sie wusste, dass es sonst für sie zu spät sein würde. 

Und so kroch sie an einem warmen Herbstmorgen aus ihrer 

harten Knospenschale hervor und begann sich in 

voller Pracht auszubreiten.

Sie war eine bezaubernde Blüte, die sich am meisten darüber freute, 

dass sie endlich den Mut zum Blühen gefunden hatte.

 

   

 Endlich wusste sie, dass Blühen nichts mit Können zu tun hat, 

sondern mit  S e i n.

 

   

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