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Ein Licht am Ende
des Ganges
Eines
Tages hatte er beschlossen, die Gitterstäbe nie mehr
loszulassen. Er konnte sich nicht mehr an den Zeitpunkt
erinnern. Ihm war jedoch bewusst, dass die Entscheidung von
Angst getrieben worden war: Angst vor dem Fallenlassen, Angst
vor der Dunkelheit unter ihm, vor dem Ungewissen. So
klammerte er sich krampfhaft an die Stäbe des vergitterten
Fensters. Er wusste nicht einmal mehr, weshalb er hier war. Aus
dem Dunkel seiner Erinnerungen leuchtete hin und wieder ein
kleiner Fetzen Licht. Eine Zelle war da gewesen, eine Tür,
dahinter ein dunkler Gang mit einem kleinen Licht am Ende. In
sehr seltenen Augenblicken glaubte er, diesen Gang schon ein
paar Mal betreten, das Licht gesucht zu haben. Und dann war da
ein unsagbarer Schmerz, der sein Gedächtnis zu verriegeln
schien.

Zwei
Wächter waren am Ende des Ganges gewesen: ein Mann und eine
Frau. Oft hatten sie ihn gehindert, den Gang zu verlassen und an
die Sonne zu treten. Aber sie hatten ihn auch behütet und
versorgt. Nie war deshalb sein Wunsch, sich den Weg in die
Freiheit zu erkämpfen, so stark gewesen, dass er es auch nur
einmal ernsthaft versucht hätte. Aber diese Erinnerung war sehr
tief in ihm versteckt, zeigte sich nur manchmal in hellen
Nächten, wenn er träumte. Und diese Träume vergaß er immer
schnell.
      
Irgendwann
hatte er etwas entdeckt: Wenn er mit aller Kraft hochsprang zu
dem Fenster an der Wand und die Gitterstäbe zu fassen bekam,
dann konnte er sich an guten Tagen daran hochziehen. Manchmal
gelang es ihm, seinen Kopf zwischen die Stäbe zu drängen und
einen Blick auf die Sonne zu erhaschen. Wie glücklich er
gewesen war, als er das zum ersten Mal schaffte!
 
Seitdem
hatte er sich oft an die Stäbe gehängt, Kraft gesammelt und
versucht, die Sonne zu sehen. Wenn er stark genug gewesen war,
hatte er es geschafft. Und seitdem hatte er im Grunde nur für
diese kurzen Augenblicke gelebt, in welchen er eine Ahnung
fühlte von Sonne und Freiheit. Da es ihm an Essen und Trinken
selten mangelte, ihm sonst nichts zu fehlen schien, hatte er
sich inzwischen mit diesem Leben abgefunden.
Dann,
eines Tages, hatte er gespürt, dass ihn die Kraft verließ.
Seine guten Tage waren seltener geworden; er hatte sich
gefürchtet, nie wieder einen Blick auf die Sonne werfen zu
können. So hatte er sich also entschieden, beim nächsten Mal
die Gitterstäbe nicht mehr loszulassen. Mit der Zeit hatte er
vergessen, was vorher gewesen war, erinnerte sich kaum an die
Zelle, den Gang und die Wächter.

Unbestimmte
Ängste und Befürchtungen hatten sich in ihm eingenistet. Und
ab irgendeinem Zeitpunkt konnte er sich, selbst wenn er gewollte
hätte, nicht mehr fallen lassen. Zu groß war die Angst vor dem
Aufschlag und vor der Dunkelheit - zu groß die Angst, mühsam
vergessene Enttäuschungen wieder erleben zu müssen.
Nun hing
er an den Stäben, festgeklammert, verkrampft und voller Furcht.
An starken Tagen gelang es ihm immer noch, sich hochzuziehen und
sein Gesicht zwischen die Stäbe zu pressen. Aber es wurde mit
zunehmendem Alter seltener, erfüllte ihn aber dennoch mit
Freude und Wehmut.
  
Irgendwann
vergaß er die Wächter, die Zelle, den Gang und das Licht an
seinem Ende endgültig. Für ihn gab es nur noch einen einzigen
Lebensbereich: das Fenster, die Gitterstäbe und die immer
selteneren Blicke auf die Sonne. So starb der Mann, wie er seine
letzten Jahre verbracht hatte: festgeklammert an dem, was er
für wichtig und lebenswert gehalten hatte.
Als man
ihn irgendwann einmal fand, verstand niemand, was da geschehen
war. Die Wächter waren längst verschwunden, die Tür der Zelle
offen, der Weg in die Freiheit nicht leicht, aber durchaus zu
bewältigen. Der Mann hätte nur loszulassen brauchen, sich nur
fallen lassen. Vielleicht hätte er sich verletzt, vielleicht
auch die Tür erst nach langem Umhertasten in der Dunkelheit
gefunden. Auch der dunkle Weg durch den langen Gang hätte ihm
sicherlich Abschürfungen beigebacht, ihn manchmal
geängstigt. Aber er hätte jederzeit die Zelle und den
Gang verlassen können; niemand hätte ihn gehindert.
Weil er
den Mut zu einem Versuch nicht gefunden hatte, war es ihm
niemals möglich gewesen, sein Leben zu ändern. Er hätte nur
hinauszugehen brauchen, hinaus in die Freiheit -

und hätte in
der Sonne leben können.
Heinz
Körner

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